Eddie Vedder – Ukulele Songs

Ukulele? Unrockbar, oder? Ausgerechnet dieses fröhliche kleine Instrument hat sich der melancholische Bariton für seine Songs ausgesucht, um von Liebe, Herzbluten, Verlust und Verzweiflung zu singen. Von den Grunge-Fans vermutlich eher mit gemischten Gefühlen aufgenommen bietet die CD genau das, was der Titel verspricht. Der Frontman von Pearl Jam liebt die kleinen Viersaiter ohne jegliche Ironie, wie er schon auf Binaural mit ‘Soon Forget’ gezeigt hat und schlug damit in die Bresche von ‘Ram On’, McCartneys charmanten Genre-Prototyp. Mit unerhörtem Drive geht es gleich mit dem Pearl Jam Klassiker ‘Can’t Keep’ als Opener ordentlich zur Sache. Für Ukulele-Fans ist es eine inspirierende Offenbarung, wie erfrischend anders er klingt, völlig bodenständig, sein Sound braucht keinerlei spektakuläre Tricks. Diese entwaffnend unaffektierte Haltung animiert auf der Stelle zum Nachahmen! In erster Linie geht es um Songs, die der Barde vor längerer Zeit schrieb, Highlights wären die Ballade vom gebrochenen Herzen ‘Sleeping By Myself’, das romantische ‘Longing To Belong’, oder ‘Light Today’ ein Surfer Mantra mit zusätzlichen Strandgeräuschen. Sogar Glen Hansard kam für Aufnahmen vorbei und sang die zweite Stimme zu ‘Sleepless Nights’. Teilweise sind die Ukulelenspuren gedoppelt, weitere Instrumente gibt es nur sparsam als i-Tüpfelchen. Teils lagerfeuerverdächtig haben sich einige Cover-Stücke eingeschlichen, der Rausschmeißer ‘Dream A Little Dream’ á la Tom Waits wäre vielleicht nicht nötig gewesen, aber das Duett ‘Tonight You Belong To Me’, bekannt aus dem Film ‘The Jerk’ ist mit Chat Marshall ganz vortrefflich gelungen. Andere Stücke hat der Sänger zu seinem eigenen Ding gemacht, wie ‘Once In A While’ von dessen originaler Melodie nicht mehr viel zu erkennen ist. Weniger Soloprojekt als Souvenir für Langzeit Fans ist es insgesamt eine reife distinguierte Platte mit schönem Cover und Textbooklet, die für Vedder auch eine persönliche Herausforderung war: eine Songwriting-Übung mit nur einem Sound. Die Ukulele setzt sich gut durch und bietet einen wunderbaren Kontrast zur sonoren Stimme. Sicher konnte Herr Vedder damit in der Ukulelen-Szene eine Menge Fans hinzugewinnen.

Jens Hausmann

Diane Ponzio – Take The Hypotenuse / So Low, You Have To Listen

Diane Ponzio Musikmesse Frankfurt 2003 © Jens Hausmann

Diane Ponzio Musikmesse Frankfurt 2003
Foto: Jens Hausmann

Seit den späten 80ern ist Diane Ponzio unermüdlich unterwegs, als Singer/Songwriterin und in Sachen Martin Guitars. Beides ist bei der charismatischen Sängerin mit den wach funkelnden Augen schwer zu trennen, wenn sie jedes Jahr aufs Neue Martin Gitarrenfans auf der Frankfurter Musikmesse ihr charmantes Lächeln schenkt und zwischendurch auf die Acoustic Village Stage klettert, um die Instrumente anschließend begeisternd zu personifizieren.
Ihre Leidenschaft begann, als liebe Freunde gemeinsam ihre erste Martin D-35S als Geschenk finanzierten. Seither gilt ihre Begeisterung dem typischen dunklen Sound mit seidigen Höhen, der Bespielbarkeit, Verarbeitung dieser Steelstrings und vor allem der Tatsache, dass die edlen Instrumente über die Jahre mit dem Alter besser werden. Auch technisch kennt sie sich mit dieser Materie bestens aus. Manche dieser Eigenschaften hat die zierliche Lady mittlerweile für sich selbst verinnerlicht. Bislang neun CDs lang ist Diane ihrem Sound treu geblieben und hat es trotzdem immer wieder geschafft für Abwechslung zu sorgen und sich weiterzuentwickeln. Es gab anfangs einen Schuss Pop, folkiges, oder jazziges mit Band und mit ‚Something Personal’ eine ganz intim live im Studio eingespielte Solo-CD. Ein großes Highlight ist sicher die CD ‚Army Of Angels’ erschienen auf dem Stockfisch Label.

Diane Ponzio Photo: Jens Hausmann

Diane Ponzio 2006
Foto: Jens Hausmann

Gerade die letzten beiden Veröffentlichungen fallen besonders positiv auf und wurden zum Anlass für diesen Artikel. Inzwischen hat sich die quirlige Brand Ambassadorin eingehend mit der breiter geworden Martin Instrumentenfamilie auseinandergesetzt und ganz beachtliche Fertigkeiten auf der Ukulele erlangt, die ihrem versierten Gitarrenspiel kaum nachstehen. Hinzu kommen Akustik-Bass, Mandoline, Nylonsaiten- und 12-saitige Gitarre.

Zusammen mit Perkussion und Backgroundgesang konnte die New Yorkerin so für die aktuelle Platte Take The Hypotenuse’ einen schillernd perlenden akustischen Bandsound arrangieren und im Alleingang einspielen. Ihre schon legendäre Suche nach universellen Themen für zeitlose Songs hat sie mit nachdenklichen Balladen, leicht rockigen und jazzigen Stücken einer guten Portion Humor und gewitzt cleveren Hooklines auch beim Songwriting zur Höchstform auflaufen lassen. Vergleichbares gilt durchaus für den unbedingt empfohlenen Vorgänger ‚So Low, You Have to Listen’. Hier überwiegen indes die dunklen, wohlig warmen Klänge, wie der Name schon sagt und es gibt mehr von den intimen Solo-Stücken, allein mit ihrer Signature Martin Jumbo, wie wir sie auch live kennen und lieben. Beides sind Scheiben, die man unbedingt über Kopfhörer genießen sollte. Mrs. „Master of Schlep“, wie sie sich selbst augenzwinkernd nennt ist bekannt für kreative und extra leichte CD-Hüllen, diesmal wieder mit eigener Kunst. Texte dazu gibt es unter www.dianeponzio.com, hier finden sich auch die Tourdaten und übrigens einige der älteren CDs kostenfrei als Download!

Anspieltipps:

Diane Ponzio Frankfurt 2013

Diane Ponzio Musikmesse Frankfurt 2013

So Low, You Have To Listen
Solo-Ballade, tolle dunkle Jazzakkorde: ‚Got A Lot To Learn‘
Eine Gitarre sagt alles: ‚Find Me Lost‘, ‚Hmm‘, ‚Basta‘
Ballade, tief in D mit vermollter Subdominante:
‚I’ll Guard Your Sleep Tonight‘
Ukulele Feature: ‚Think Again‘

 

 

Diane Ponzio Musikmesse 2013

Diane Ponzio Acoustic Stage 2013

Take The Hypotenuse
Breiter akustischer Bandsound mit Gitarre, Ukulele & Bass: ‚Windy Day‘
Trifft den Nerv mit Humor: ‚I’m So Broke‘, ‚You Stink‘
Ohrwurm, voller Bandsound, viel Perkussion:
‚Don’t Break What You Can’t Fix‘
Typisch Diane Ponzio, diesmal Mandoline: ‚The Little Things‘

 

 

Diane Ponzio Webseite Diane Ponzio spielt Martin Gitarren und Ukulelen

Diane Ponzio MP3s bei Amazon.de

Jens Hausmann

Kolen- Ruffolo- Alexander – The Greater Good

(Stockfisch Records)
Den Niederländer Dennis Kolen kennen wir schon durch seine hervorragende Stockfisch Veröffentlichung ‚Northeim Goldmine’. Auch Eugene Ruffolo, ein New Yorker mit italienischen Wurzeln ist auf dem Label kein Unbekannter. Beide haben sich ohne große Vorbereitung mit Shane Alexander aus Kalifornien zu dem Trio ‚The Greater Good’ zusammengetan. Der Name ist auch gleich das Motto, denn ein entscheidender Unterschied zu den großen Singer/Songwriter Formationen, die sofort als Referenz herhalten würden ist: hier gibt es weder exzentrische Egotrips noch wird beim Northeimer „Zuhör-Label“ nach Verkaufszahlen geschielt. Beste Voraussetzung für eine Woche spontane Sessions bei Günter Pauler mit perfektem Harmoniegesang, bei denen Leadgesang und Songwriting gleichmäßig aufgeteilt wurden. Verblüffend, wie gut die Stimmen des Dreigestirns zusammenpassen und wie eingespielt und abgehangen das Ergebnis tönt. Man möchte keinem der charismatischen Sänger den Vorzug geben, wobei vielleicht Kolen mit seinem perlenden Gesang am ehesten heraus sticht. Auch die Begleitung haben die Probanden unter sich ausgemacht, viel Strumming und etwas Fingerstyle wird geboten und weitere Instrumente sorgen für geschmackvolle Klangfarben und Untermalung. Als Finale wird im zehnten Track Neil Young stellvertretend für das Genre mit ‚Tell Me Why’ Tribut gezollt auch hier wechselt der Leadgesang demokratisch in den Strophen. Insgesamt ein sehr gelungener Silberling, der nicht nur an die jeweiligen Fans gerichtet ist, sondern allgemein für Freunde dieses Genres sehr zu empfehlen ist, denn die Aufnahmen lassen sich durchaus mit den besseren Momenten mancher Supergroups vergleichen. Die Produktion wird im CD-Audio Format und als audiophile 180 g Vinyl-LP aus hauseigenem Direct Metal Mastering angeboten.

Jens Hausmann

The Greater Good bei Amazon: The Greater Good

Anders Parker – Cross Latitudes

(Skycap music // Rough Trade Distribution)
Früher brauchte man Longituden. Aber wer dazu fähig ist Latituden zu kreuzen, kriegt vermutlich alles fertig. Stimmt irgendwie: der Songwriter, Gitarrist und Multi-Instrumentalist Anders Parker schafft es, sich treu zu bleiben, ohne das man ihn irgendwie fassen und festnageln könnte. Hier ein ruhiges Folk-Album, dort elektronisch, oder ein erdiges Rock-Album, jüngst verwirklichte der quirlige Haudegen mit Kollegen wie Jay Farrar ein Woody Guthrie Projekt auf Einladung von dessen jüngster Tochter ins Guthrie-Archiv. Mit Cross Latitudes liegt ein atmosphärisch instrumentales Soloalbum vor, das wohl nur in sehr limitierter Auflage auf CD erschien und in erster Linie als digitaler Download seine Hörer findet. Daheim in den Bergen von Vermont hat sich Parker im langen kalten Winter Zeit genommen und mit Gitarren und Effektgeräten zurückgezogen. Entschleunigung, zurücklehnen, wirken lassen. Die meditativen Klangbilder passen perfekt zu winterlicher Stimmung und schaffen das richtige Ambiente, wenn fragile Soundflächen auf und abschwellen. Wunderbar als Soundtrack zur Jahreszeit mit schillernden Eis- und Schneelandschaften und absolut sicher mal ganz ‚Anders’.

Jens Hausmann

Kontakt: Skycap Music

Dominic Miller – 5th House

(Q-rious Music)
Den größeren Teil seiner Karriere verbringt der in Argentinien geborene Brite Dominic Miller an der Seite von Sting. Um auch seine eigene Musik voran zu bringen, nutzt er für gewöhnlich alle verfügbaren Wartezeiten und Tourneepausen und nummeriert seine Ergebnisse durch: Nach ‚First Touch‘ (1995), ‚Second Nature‘ (1999), ‚Third World'(2004) und ‚Fourth Wall‘ (2006) erscheint nun ‚5th House‘. Das Fünfte Haus, inspirierender Begriff aus der Astrologie, steht für Liebe und Leidenschaft, ein schönes Motto für ein Album, das am Herzen liegt. Die Songs reflektieren seine Stimmung auf Tour. Alles was Dominic unterwegs dafür braucht ist eine Gitarre und ein iPhone, so sagt er. Aufgenommen wurde in Köln und in Los Angeles, der Mix entstand in London bei dem Lieblingstoningenieur und Langzeitkomplizen Hugh Padgham. Diese Zusammenarbeit besteht seit dem legendären Song ‚Another Day in Paradise’. Genau der Phil Collins Titel, der einst Sting auf das sensible Spiel des Gitarristen aufmerksam machte. Abgerundet wurde das Ergebnis schließlich in der Provence, Millers Wahlheimat. Dominics Spezialität ist es schon immer gewesen sehr schnell zu arbeiten, aber mit sieben Tagen Aufnahme und zwölf Tagen Gesamtprozess, kann er sogar den eigenen Rekord von ‚Fourth Wall’ brechen. Miller sagt, dass viele seiner Lieblingsklassiker in so kurzer Zeit entstanden sind, auch wenn sonst die Produktion mehr Feinschliff bekommen hätte. Der Hörer fragt sich, was soll da noch poliert werden? Legendäre Musiker wie Vinnie Colaiuta und Jimmy Johnson gehören zur Traumbesetzung, Pino Palladino und Yaron Herman sind mit von der hochkarätigen Partie und Millers bestens eingespielte Tourband mit Rhani Krija, Nicolas Fiszman und Mike Lindup sorgen ebenso für eleganten Perfektionismus. Millers Effizienz und Raffinesse mit wenig Tönen alles zu sagen ist ebenso charakteristisch, wie die Präzision des Lineups auf höchstem Niveau ‚in the pocket’ zu spielen. Wieder gibt es diese Wechsel von Tutti Stellen mit Band, Ambiente und Solo-Passagen, in denen der Künstler so direkt klingt, als würde er vor einem sitzen. Gitarristisch hat er seine Probierphase der letzten Jahre zu einem vorläufigen Ergebnis gebracht. Ließ er vor kurzem noch die Nylonsaiten Gitarre auf Tour zuhause, um mal aus der Komfort-Zone zu kommen, so zeigt er jetzt seine gesamte Bandbreite von Stilistiken und Klangfarben wie aus einem Guss, von Nylon bis zur ordentlich rockigen E-Gitarre. Es stimmt, das Album ist im positiven Sinne nicht geschliffen, es hat Charakter und inspiriert mit Leidenschaft. Klar, musikalisch ist das sauberer, instrumentaler Fusion-Jazz auf höchstem Niveau. Aber auch die Güte der Produktion gehört für Klangästheten in die Referenzklasse!

Jens Hausmann

Dominic Miller bei Amazon: Fifth House

Brooke Miller – Familiar

(Stockfish)
Seit Jahrzehnten ist erstaunlich mit welch hoher Güte Singer/Songwriter aus Kanada am Start sind. Brooke Miller gehört gewiss auch in diese Klasse, obwohl sie in unseren Breiten noch nicht so bekannt ist, wie sie es verdient hätte. Fingerstyle Gitarrenfans ist sicher ihr Mann Don Ross geläufig, der sich auch an dieser Produktion dezent bei einigen Songs am Bass und einmal am Piano beteiligt hat. Seit ihrem 12. Lebensjahr ist Brooke musikalisch aktiv und am liebsten mit Band unterwegs, aber diese Scheibe wurde bewusst intimer gehalten. Gut die Hälfte der elf Titel wurde im Northeimer Studio solistisch produziert, so kann die Künstlerin mit dem schwer modellverdächtigen Aussehen ihre Stärken voll entfalten. Miller konnte dabei aus dem Vollen schöpfen, in erster Linie setzt sie auf ewährte Highlights aus ihrem Repertoire. Stimmlich erinnert die Ost-Kanadierin an Sara K. und hat ähnliche Stärken mit umfassender Bandbreite zwischen sanft, weich und energisch, kraftvoll. Aber musikalisch waren sonst vielleicht eher kanadische Kollegen wie Bruce Cockburn oder Joni Mitchell zumindest gitarristisch prägend und natürlich die kanadische Heimat mit all ihrem Charme. Viele Open-Tunings verrät das liebevoll gestaltete Booklet, aber es gibt auch einige Stücke in Standard Stimmung. Der Opener ‚What You Know’ groovt gleich vielversprechend los und überzeugt nicht zuletzt auch durch stimmlich schönen Backgroundgesang. Gleich beim zweiten Stück ‚You Can See Everything’ zeigt Miller noch mehr Individualität und sehr versiertes Gitarrespiel. einen Vorgeschmack dazu gibt es übrigens bei YouTube aus der Greenfield Guitar Werkstatt, dessen Gitarren Brooke spielt. Auf diesem Niveau läuft es weiter, es gibt eine Prise Folkiges, einen Hauch Country, Balladen und immer hervorragendes Songwriting mit reichlich Authenzität. Beim Titelsong-Highlight fällt es schwer sich zu entscheiden, er wird in einer Piano- und einer Gitarrenversion angeboten. Den gelungenen Abschluss findet die CD in sich gekehrt in der wunderschönen Ballade ‚Quiet Night’. Die Produktion wird als Hybrid-SACD in höchster Klangqualität mit zusätzlichem 16bit CD-Audio Layer oder als audiophile 180 g Vinyl-LP angeboten, großartig. Unterm Strich einer der besten Silberlinge, die mir in letzter Zeit auf den Tisch kamen, looks like we have a new Hero!

Jens Hausmann

Brooke Miller bei Amazon: Familiar

Katja Maria Werker – Mitten Im Sturm

(Stockfish)
Viel hat Katja seit  ihrem Debut 2000 mit ‚Contact Myself’ erreicht. Major Produktion, wie ‚Dakota’ bei der EMI markieren den Weg, den sie wohl nicht zuletzt durch Ermutigung von Peter Gabriel einschlug. Gerade nach ‚Dakota’ scheint 2008 ein Wendepunkt gewesen zu sein, darauf folgte 2010 ‚Neuland’ ihre erste deutschsprachige Scheibe. Frau Werker macht zwar ihr eigenes Ding, aber sie nimmt sich gute Tipps zu Herzen. Diesmal war es Stoppok, der ihr dazu riet und auch gleich mit Katja im Duett sang. Nun legt sie mit ‚Mitten Im Sturm’ ihre erste Stockfish Veröffentlichung wieder vorwiegend deutschsprachig vor. Gut so, nicht das die Essenerin mit den englischen Songs bisher irgendetwas falsch gemacht hätte, im Gegenteil: sie füllte damit immerhin drei wunderbare CDs. Aber gerade der neue Silberling zeigt im Kontrast, wie viel authentischer und überzeugender die Poetin mit ihrer leicht heiser, weichen Stimme in ihrer Muttersprache den Nerv trifft. Sprachlich bleibt sie dabei ungekünstelt ganz sie selbst. Charismatisch gibt sie sich wie ihr der Schnabel gewachsen ist, ganz gleich ob es Stücke aus eigener Feder sind, oder ein Gassenhauer wie ‚Über Sieben Brücken musst Du gehen’ quasi im Vorbeigehen intimes Highlight wird. Ja, selbst knapp vor der Schlagergrenze kriegt Katja noch bei ‚Zusammenleben’ die Kurve, so echt und direkt kommt der Gesang. Hinzu kommt gediegenes Songwriting. Da wäre einerseits ein gutes Händchen für eingängige Hooklines ohne sich aufzudrängen. Dann scheinen die Texte intime Einblicke ins Seelenleben zu gewähren, trotzdem bleibt es universell genug, dass jeder eigene Bilder hinein interpretieren und sich selbst wiederfinden kann. Ein schönes Beispiel dazu findet sich in ‚Die Zeit Mit Dir’. Klingt so als wäre die Künstlerin nun ganz bei sich selbst angekommen. Das Ganze ist im typisch akustischen Stockfish Referenz-Sound arrangiert mit Unterstützung von erstklassigen Hausmusikern wie Ian Melrose, mit dem Katja anschließend auf Promo-Tour war. Die E-Gitarre hat sie im Moment an den Nagel gehängt, obwohl die so gut zu ihr passt. Übrigens ist Katja Maria Werker die erste deutsche Singer/Songwriterin bei Stockfish bisher, dort passt sie prima hinein, zumal Sara K. nicht mehr aktiv ist.

Jens Hausmann

Katja Maria Werker bei Amazon: Mitten im Sturm

Ralf Illenberger – Red Rock Journeys

(Stockfish)
Seit den legendären Zeiten mit Martin Kolbe zählt Ralf Illenberger klar zu den Ikonen der akustischen Gitarrenszene. Zwischen Folk-Jazz Fusion und New Age rechnet man mit perlendem Perfektionismus einerseits und verbindet den Klangmaler vor allem auch mit sphärisch verträumten Stücken, Schwerelosigkeit und einem Schuss Melancholie. Vor diesem Hintergrund geht der Opener ‚Frogs’ erfrischend fröhlich beschwingt und kernig mit einem Touch von ‚Paint It Black’ los, ein gelungener Einstieg. Diese entspannte Fingerpicking-Atmosphäre wird später bei ‚Walk In The Park’ in DADGAD wieder aufgegriffen. Klanglich reiht sich die Produktion nahtlos in die Stockfish Referenzklasse ein. Aber dennoch, es wirkt distanzierter, weniger direkt, ja vielleicht einen Hauch artifizieller, Illenberger eben. Hier hatte der Schwabe Gelegenheit sich absolut treu zu bleiben. Der Klangzauberer überlässt nichts dem Zufall, verwobene Stimmen und deren schwebende Magie leben von der absoluten Kontrolle jeder Phrase, vom Nachklang jedes einzelnen Tones und einem beeindruckend präzisen Timing. Die Ideen zu den malerischen Kompositionen sind geprägt durch den ‚Roten Felsen’ von Sedona in Arizona, hier lebt und arbeitet der Protagonist. Die Aufnahmen entstanden indes im heimischen Nordheim, bei einigen Stücken hilft der Bassist Sandro Gulino feinfühlig und geschmackvoll etwas vom südlichen Flair ins norddeutsche Studio zu retten, eine kongeniale Kombination. Ansonsten darf natürlich das Illenberger-typische Echo/Delay nicht fehlen, in den Liner-Notes sind neben den offenen Stimmungen die Delay-Zeiten angegeben, bei ‚Light Wave’ mutet das im Zusammenspiel mit dem Bassisten wie eine Zeitreise in die Anfangstage an, ein weiterer Höhepunkt dieser Art ist ‚Joy’, Ralfs „Ode an die Freude“. Die mysteriös introvertierte Facette wird trefflich bedient bei ‚The Veil’. Illenberger hat sich weiter entwickelt und ist dennoch im besten Sinne der Alte geblieben. Bei ihm zählt in hohem Maße, wie er spielt, aber er bietet auch echte kompositorische Highlights, wie das von Ravel und Debussy inspirierte ‚Thinking Of You’ oder die drei Schlussstücke der CD, mit denen er noch mal zur Höchstform aufläuft. Der emotionalste Moment dabei ist ‚Ballad, seine Lieblingsballade. Obwohl sich auch Fingerstyle-Puristen hier eine Scheibe abschneiden könnten, werden vor allem seine Fans die CD lieben, ein Leckerbissen für Klangästheten. Kleiner Tipp: Zeit nehmen, mehrmals hören und einwirken lassen. Dann kommt der Genuss von selbst.

Jens Hausmann

 Ralf Illenberger bei Amazon: Red Rock Journeys

Carrie Rodriguez – Love And Circumstance

(Ninth Street Opus)
Viel beschäftigt war die Singer/Songwriterin in letzter Zeit. Zwei Soloalben legte Carrie Rodriguez vor, nachdem vier CDs ihre hervorragende Duoarbeit mit Chip Taylor belegen konnten. Genau, das ist jener Taylor, der „Wild Thing“ schrieb! Unter anderem bestritt sie das Vorprogramm von Lucinda Williams, mit der sie oft verglichen wird. Der Vergleich hinkt etwas, denn wo ihr deren rockig, lässige Coolness fehlt, setzt sie auf intensive Momente und melancholische Stimmung in ruhigem Tempo mit vielschichtigen musikalischen Texturen. An Stelle des eigenen Instrumentalspiels setzt die Geigerin auf den unerschöpflichen Nuancenreichtum ihres Gesang zwischen leichter Rauchigkeit und klarer Süße gepaart mit sparsamen Bandarrangements. Als i-Tüpfelchen kommen elektrische Mandoline und Tenorgitarre der Texanerin hinzu. Liebe zur Musik und musikalischen Familie sind neben weiteren Umständen titelprägend für dieses Album, bei dem Rodriguez nun mit Coversongs einen Gang zurückschaltet. Ein zwei-schneidiges Schwert, denn es geht für Carrie stets um die Balance zwischen dem prägenden eigenen Stempel und der originären Qualität des Originals. Zwar haben wir es ausschließlich mit Material erster Güte aus der Feder von Ry Cooder, John Hiatt, Richard Thompson, Townes van Zandt, Hank Williams und weiteren Ikonen zu tun, aber es wurden geschickt eher unbekannte Songs gewählt. Nicht zuletzt durch den Beitrag ihrer hervorragenden Band um den Gitarristen Hans Holzen und Bill Frisell als Gast lässt sich das Ergebnis im Sound nahtlos in die Reihe der beiden Vorgänger einreihen. Zu empfehlen sei der Silberling für jene, die besonders die zartere, tiefgreifend emotionale Seite von Künstlerinnen wie Sheryl Crow, Lucinda Williams oder auch Norah Jones lieben. Zwei Stücke stechen hervor: „When I Heard Gypsy Davy Sing“, von ihrem Vater geschrieben und der herzergreifende spanische Gesang des Schluss-Stücks „La Puñalada Trapera“, zu deutsch: ein Stich im Rücken, das die Sängerin einst von ihrer Großtante lernte. So bleibt es in der Familie.

Jens Hausmann

Carrie Rodriguez bei Amazon: Love & Circumstance

Josh Rouse And The Long Vacations – dito

(Bedroom Classics)
Josh Rouse ist seit den späten 90ern aktiv. Damals zu Zeiten der vielversprechenden Debut-Scheibe „Dressed Up Like Nebrasca“ sah es nach dem großen Durchbruch aus, aber Rouse blieb mehr der ewig durchhaltende Szeneheld und Insidertipp. Nachdem der Songwriter aus dem mittleren Westen schon viele Ecken der Staaten sein Zuhause nannte verschlug ihn die Liebe unlängst nach Valencia in Spanien. Mit der aktuellen CD legt er nunmehr nach „El Turista“ 2010 wieder ein herrlich unangestrengtes Album vor, das einerseits die sonnig spanisch, relaxte Atmosphäre des Vorgängers beibehält, aber noch mehr den Bogen zu den bisherigen amerikanischen Veröffentlichungen zu spannen weiß. Verstärkend kommt hier der nostalgisch anmutende Vintage-Touch der im besten Sinne etwas exotisch, kauzigen Arrangement hinzu. Mit Gitarren, Piano Kontrabass, Banjo und Perkussion wird hier ein Sound geprägt, wo sich Assoziationen an eine Holzhütte irgendwo im Hinterland in den einsamen Bergen einschleichen. Oder wenigstens ein Wohnwagen, wie auf dem humorigen Video zu dem gelungenen Song „Oh, Look What The Sun Did!“ zu sehen ist. Manchmal geht es auch ein wenig in jazzige Gefilde, wie bei dem Anspieltipp „Lazy Days“, oder ein Hauch von Latin bei „Fine, Fine“, aber es überwiegt inspirierendes amerikanisches Songwriting mit eingängigen Songs. Schwer kann man sich für einen einzelnen Lieblingstrack entscheiden, aber der Opener „Diggin’ In The Sand“ bringt die Vorzüge dieser Folk-Pop Formation bestens auf den Punkt. Vielleicht die locker entspannte Platte mit leichtem Beatle-Touch, die wir uns immer von Paul Simon gewünscht hätten. Cool, mehr davon!

Jens Hausmann

Josh Rouse & The Long Vacations bei Amazon: Josh Rouse and the Long Vacations