David Russell Interview – Keltische Musik: seine Arrangements und sein Bezug zu traditoneller Musik

David Russel Iserlohn 2011 ©Jens HausmannBeim Gitarrensymposium 2011 in Iserlohn hatte ich die Ehre dem Gitarrenvirtuosen David Russel bei einer Tasse Tee in paar Fragen stellen zu dürfen. Hier ist das Interview zu Davids Arrangements keltischer Musik und seinem Bezug zu traditioneller Musik.

Hallo David, danke dass ich dir ein paar Fragen zu schottischer Musik und deinem Bezug dazu stellen darf. Vielleicht kannst du kurz dein Verhältnis zu Schottland und Musik in deiner Kindheit umreißen. Schließlich bist du in Spanien aufgewachsen. Wie viel von deinem schottischen Erbe konntest du in deinen Anfängen bewahren?
David Russell: Mein Vater ist ein Amateur Gitarrist und hat mich in Schottland unterrichtet, als ich noch sehr jung war. Später sind wir nach Spanien umgezogen, da war ich etwa sechs Jahre alt. Ich spielte zu der Zeit schon, sicher noch nicht gut, aber ich kannte immerhin einige Akkorde und andere Dinge. So bin ich zwar die meiste Zeit in Spanien aufgewachsen, aber zwischendurch waren wir oft zurück in Schottland. Vor allem wegen der Eltern, denn wenn man in einem fremden Land lebt, sehen dich alle als den Fremden. Auch wenn ich mich voll und ganz als Teil der spanischen Gesellschaft fühle, als ich in Menorca lebte war ich der Fremde. Geboren bin ich in Glasgow und wir haben in einigen kleineren Orten zum Beispiel in der Nähe von Sterling zwischen Glasgow und Edinburgh gelebt, aber immer auf der Glasgow Seite: das ist für echte Schotten wichtig (lacht)!

Gab es da schon traditionelle keltische Musik in deinem Umfeld?
Zu der Zeit wusste ich noch nichts über schottische Musik, sie fing erst an für mich an Bedeutung zu gewinnen, als ich nach London kam um zu studieren. Ich freundete mich dort mit einigen Schotten an, besonders mit dem Kontrabassisten Dennis Milne. Wir haben alle möglichen Arten von Musik zusammengespielt, vor allem lernte ich von ihm viele schottische Stücke, durch ihn fühlte ich mich auch selbst wieder deutlich schottischer. Dazu hatte ich vorher so gut wie keine musikalische Verbindung. Er brachte mich dazu einige Arrangements zu schreiben, die wir im Duo spielen konnten.

Wie ist es dann zu den Veröffentlichungen gekommen?
Viele Jahre später habe ich diese Musik meiner Plattenfirma vorgeschlagen und sie haben zu gesagt. Das war Anlass für mich hart an weiteren Arrangements zu arbeiten und vor allem ihre Qualität zu verbessern, bis dahin hatte ich es nicht so ernst genommen. Das Buch mit den Arrangements habe ich Dennis gewidmet, denn er ist leider viel zu früh bei einem Verkehrsunfall tragisch ums Leben gekommen. Es ist am Ende keltische Musik geworden, ich habe nicht nur schottische Stücke bearbeitet sondern auch einige Irische Tunes, denn manche Irische Tänze sind leichter auf die Gitarre zu übertragen. Auf der melodischen Seite bevorzuge ich aber die schottischen Airs. Als ich dann die CD ‚Message Of The Sea’ aufnahm hatte ich noch nicht genug Vertrauen in meine eigenen Bearbeitungen und habe ein paar Stücke wie die schottischen Variationen von Fernando Sor dazu genommen. Auch Guiliani hat Irische Musik bearbeitet, aber natürlich im Stile des 19. Jahrhunderts. So hatte ich das alles mit drin, weil ich meiner Sache sonst nicht sicher genug war. Inzwischen ist das um die zehn Jahre her, heute könnte ich so eine CD komplett mit eigenen Bearbeitungen machen.

Wie würdest du persönlich klassische Gitarre mit schottischer Musik in Beziehung setzten?
Die Gitarre kann jegliche Art von Musik begleiten und hat Anteil an jeder Art von Volksmusik, das gilt in besonderem Maße natürlich für Spanien. So hat Llobet entsprechend traditionelle Musik bearbeitet, genau wie ich, nur eben auf einem wesentlich höheren Level. Im Grunde nutzte er katalanische Musik als Inspiration für seine Arrangements und wir spielen sie noch heute. Meine Bearbeitungen sind etwas einfacher, obgleich ich in einige von ihnen sehr viel Zeit gesteckt habe. Aber ich bin kein Komponist wie Llobet. Ich glaube nicht genug an meine eigenen Kompositionen und spiele nie Musik von mir in Konzerten, aber die Arrangements sind in Ordnung. Viele von den schottischen und irischen Stücken bestehen nur aus einer kurzen Melodie, es gilt sie zu entwickeln, zu arrangieren und zu variieren. So läuft das meistens und es macht Spaß. Aber zur Verbindung zur klassischen Gitarre selbst würde ich meinen, dass jeder klassische Musiker Grenzen im Kopf hat. Ich spiele keinen puren Flamenco und spiele auch keinen Jazz. Ich würde mich mit dieser Musik nicht wohlfühlen, aber im Grenzbereich ist eine graue Zone. Für jeden von uns ist diese graue Zone verschieden: wie weit kann man gehen in Richtung Flamenco, Jazz oder eben traditionell schottischer Musik. Es gibt einiges im schottischen Folk, das man etwas klassischer angehen kann. Also kann ich in die Grenze überqueren, solange ich in der Grauzone bleibe. Ich würde also nicht sagen dass es eine echte Verbindung gibt. Ich könnte nicht komplett hinberwechseln und mich einer schottischen Band anschließen. Vielleicht ginge es solange ich Akkorde spiele, aber dann wäre ich nicht ganz bei mir. Dasselbe gilt für Jazz, ich könnte die Noten lernen, oder die Stücke, aber darüber hinaus wäre ich völlig verloren. Also sind auch meine Arrangements irgendwo in der Grauzone dazwischen, quasi auf dem Grenzzaun. Möglich dass es für beide Seiten auf Zuspruch in den jeweiligen Übergangsregionen trifft, aber einigen wird es immer zu klassisch oder anderen zu folkig sein.

So werden die Arrangements Repertoire und Möglichkeiten der klassischen Gitarre vielleicht erweitern können und die Grauzonen  ausdehnen?
Ich glaube schon, hier und da spielen Einige diese Bearbeitungen in den Meisterklassen.

Danke, dass du dir die Zeit für das Gespräch genommen hast.
Gern, es war mir ein Vergnügen.

Jens Hausmann

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Offizielle Webseite von David Russell

2 Gedanken zu „David Russell Interview – Keltische Musik: seine Arrangements und sein Bezug zu traditoneller Musik

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