Karin Mikara – Keltische Musik in Stockholm

Karin MikaraKarin Mikara ist studierte klassische Gitarristin. Nach jahrelanger Unterrichtstätigkeit krempelt sie ihr Leben komplett um: ein Neuanfang in Stockholm! Neben dem eigenen erfolgreichen Gitarrenstudio dort ist das auch die Erfüllung des langgehegten Wunsches wieder konzertant aktiv zu sein. Ein entscheidender musikalischer Anlass waren genau die keltischen Arrangements, über die ich im letzten Interview mit David Russell sprach.

Hallo Karin, zurück zu deinen Anfängen. Wie kamst du zur klassischen Gitarre?
Mit sechs Jahren bekam ich eine Ukulele und kurz drauf die Gitarre. Vom legendären Gitarrenpädagogen Heinz Teuchert erhielt ich eine bestmögliche Ausbildung. Schon bald durfte ich bei seinen Lehrgängen, der Kinderfibel und der Neuen Gitarrenschule assistierten und recht früh auf die Bühne. Nach dem Vorstudium am Dr. Hochs Konservatorium studierte ich an der Musikhochschule in Frankfurt am Main und war bei verschiedenen Gitarrenevents, Rundfunk- und CD-Einspielungen dabei. Nach altersbedingtem Ausscheiden Prof. Heinz Teucherts setzte ich meine Studien bei seinem Sohn Prof. Michael Teuchert fort, und lernte gänzlich neue Sichtweisen und aufregende Dinge, teilweise geradezu im genauen Gegensatz zum vorher Gelernten. Spannend! Nach der Geburt meiner Tochter, einer Bühnenpause und langjährigem Fokus auf Unterrichtstätigkeit wollte ich doch wieder auf Konzerte hinarbeiten und nahm erneut drei Jahre Unterricht bei Michael Teuchert an der Musikhochschule, das war vor etwa zwölf Jahren, aber erst seit 2009 habe ich den nötigen Freiraum, um richtig loszulegen.

Hast du zu dem Zeitpunkt die keltische Musik als deine Nische entdeckt?
Ja genau. Schon während meines Studiums schien mir das klassische Gitarrenrepertoire zu sehr vorgeschriebene Musik zu sein und daher begrenzt. Beim Internationalen Gitarrenfestival in Koblenz 2008 fielen mir CD und Noten mit keltischer Musik in Bearbeitungen von David Russell in die Hände. Außerdem bekam ich Kontakt zur irischen Musikszene durch einen Musiker aus Stockholm. Ich hatte schon immer eine Affinität zu Irland und zur irischen Musik und Mystik gehabt. So verband ich in meinem Soloprogramm ‚Celtic Music’ die klassische Gitarre, die dem warmen Sound der irischen Harfe nahe kommt, mit keltischer Folkmusik. Die keltische Musik kommt mir in Tiefgründigkeit und Vielschichtigkeit auch spirituell entgegen. Mein Programm enthält eine riesige Bandbreite: schottische Lautenmusik aus dem Barock, traditionelle Tänze wie Jigs, Reels, Hornpipes vornehmlich in Arrangements von David Russell, modernere Musik von Maria Linnemann zu Landschaften und Natur in Irland und Schottland, mystisch traditionelle irische Harfentunes, jazzige Versionen keltischer Musik von Ian Melrose oder Toru Takemitsu und Folksongs über Liebe und Leben in eigenen Arrangements zu denen ich sogar meine Stimme einsetze. Diese Vielfältigkeit meines keltischen Programms hilft mir ein viel größeres Publikum zu erreichen, als rein klassische Gitarrenmusik.

Wie kam es zur Affinität zu Irland, keltischer Musik, was ist mit Schottland?
Irland ist immer mein Lieblingsland gewesen. Schon als Kind hieß ich lieber Mary als Maria, mein zweiter Vorname. Leider hatte ich bis heute viel zu wenig Gelegenheit zu Auslandsreisen und konnte nur über Bücher, Filme, Fotos und Musik aufsaugen, was ich kriegen konnte. In der Jugend liebte ich Folkfestivals und hätte gern mitgespielt. Allgemein spielte Folklore eine große Rolle, ich sang viel zur Gitarre und reiste musikalisch in die unterschiedlichsten Länder. Schottische Musik ist der irischen ähnlich und wenn man von keltischer Musik spricht gehört das schon zusammen. Die schottische Musik ist in meinen Augen strenger und gradliniger, ja vielleicht königlicher und stolzer. Irische Musik ist für mich lebendig, locker und lebensfroh. Neben schwungvoller, heiterer und beschwingter Musik gibt es aber auch die tragisch melancholische Seite. Es gibt sehr schöne schottische Lautenmusik aus dem Barock, die ich gerne spiele. Schottland hat wie Irland atemberaubende Natur und das zieht mich natürlich auch an.

Ich habe gesehen, dass du inzwischen auch eigene Komposition hast?
Ja, sehr aufregend für mich. 2011 habe ich angefangen zu komponieren, endlich kann ich genau meine Vorstellungen und Stimmungen von keltischer Musik einfangen und ausdrücken. Weg mit den Grenzen unterschiedlicher Stile und Zeiten! Mein Ziel ist das Alte mit dem Neuen zu verbinden, wie mein Konzertuntertitel ‚From The Old Time To The New’ andeutet. Die richtig alte keltische Musik ist leider nicht überliefert, als keltische Musik gilt heute jene ab dem 17. Jahrhundert. Ich möchte die Brücke schlagen in die alte verlorene Zeit mit all ihren Schätzen. Das alte Wissen wird ja heute zum Teil wiederentdeckt und angewendet, wie in den alten Heilweisen. Der Titel meiner ersten Komposition lautet daher ‚Travel Into The Lost Time’. Die Zuhörer umhüllt eine Klangwelt voller kristallschöner Harmonien, die neue Kraft und Energie spenden. Ich verfolge durchaus einen ganzheitlich heilerischen Aspekt und möchte Menschen Energie zufließen lassen, ihnen etwas Gesundes und Lichtvolles geben. Die Zeit ist gekommen, genau das mit und in der keltischen Musik zu verwirklichen, das ist eins meiner höchsten persönlichen Ziele. Ich habe sogar ein Langzeitstipendium beim schwedischen ‚Konstnärsnämnden’ in Stockholm beantragt, um meine Fähigkeiten im Komponieren weiterzuentwickeln, mein Angebot dazu ist eine Gitarrenschule zu schreiben, da es in Schweden nur unzulängliches Material gibt.

Verstehe ich das richtig, du versuchst aus Mangel an Überlieferungen alter keltische Musik die Lücke mit Mystik und wiederentdecktem Wissen zu füllen? Wie gehst du vor, wie bekommst du konkret diese außermusikalischen Inhalte in die Musik?
Durch Intuition bekomme ich meine musikalischen Inhalte. Ich glaube an die Kraft der eigenen individuellen Spiritualität, das ist nicht an Konfessionen gebunden. Es ist universell und geht um Energie, Schwingung und Imagination, musikalische Vorstellungskraft. Im Studium wollte ich schon die Musik später einmal mit der Medizin verbinden und eine Musiktherapieausbildung an das Musikstudium anschließen, jetzt bin ich auf dem richtigen Weg. Die Erziehung meiner Tochter hat mich um die intensive Auseinandersetzung mit Anthroposophie und Waldorfpädagogik bereichert. Das Thema geistige Welt und Spiritualität hat einen festen Platz in meinem Leben. Das was wir sehen und das was wir nicht sehen sind spätestens seit der Quantenphysik keine Gegensätze mehr. Viele Menschen suchen immer mehr nach alternativen Heilmethoden, um gesund zu werden und zu bleiben. Ich versuche über meine Intuition Kräfte in meine Musik zu legen, die vielleicht schon einmal vor langer Zeit bei den Kelten gewirkt haben. Das erhoffe ich mir durch Intuition und Inspiration zu eigenen Kompositionen. Ich gehe also erst nach Gefühl, der Verstand kommt dazu, wenn ich bewusst meine Kompositionen ausarbeite.

Also ist es auch ein ganzheitlicher Ansatz: die Beschäftigung mit Kraft, Energie, Gesundem und Lichtvollen macht dich zu einem inspiriertem Menschen, was sich auf die Musik und das Publikum überträgt.
Ja. Im Grunde hat mich die Summe der Erfahrungen, auch im schmerzlichen Bereich dahin gebracht. Ich musste in meinem Leben viel um Heilung, Gesundheit, Frieden kämpfen. Allein im späteren Alter gegen alle Widerstände doch noch eine Musikerkarriere durchzuboxen hat mich enorm gestärkt. Vielleicht kann ich damit Anderen Vorbild sein, oder wenigstens mit einer gewissen Ausstrahlung dienen. Diese Erfahrungen kommen auch meinen meist erwachsenen fortgeschrittenen Schülern bei speziellem Rat oder Fragen zugute. Themen wie Wiedereinstieg nach längerer Spielpause, Spiel mit Arthrose, Persönlichkeitsentwicklung durch musikalischen Ausdruck, Stärkung des Selbstvertrauens spielen eine große Rolle. Meine eigentliche Transformation hat vor drei Jahren mit der Auswanderung nach Schweden erst so richtig begonnen. Ich habe ein komplett neues Leben angefangen!

Warum bist Du nach Stockholm gegangen war es musikalisch, oder familär?
Das will natürlich jeder wissen. Ich wollte schon immer aus Deutschland raus, es schön haben mit viel Natur um mich herum und losgelöst von Vergangenheit und altem Ballast ein neues Leben anfangen. Es ist mir gelungen inklusive einer ganz anderen Sprache! Klar, die Liebe ist oft treibende Kraft, ich lernte einen Musiker aus Stockholm kennen. Aus dem Kurztrip 2007 wurde ein Entschluss. Ich habe mich sofort in das Land Schweden verliebt. Zwei Jahre später habe ich alles Hab und Gut meiner alten Welt auf Flohmärkten verkauft. Am 15. August 2009 bin ich mit vollgestopftem Auto nach Schweden ausgereist. Zwei Wochen Hotel, ein Monat bei einer Familie und ab dem 01. Oktober in meinem Gitarrenstudio in Stockholm, in dem ich noch weiterhin wohne. Das Auto habe ich sofort verkauft, da keine Parkmöglichkeit in der Stadt vorhanden ist und ich Geld brauchte. Ein Gitarrenstudio wollte ich auch schon in Deutschland eröffnen, um auf höherem Niveau zu arbeiten, als an einer Musikschule mit 60 Schülern im Halb-Stunden-Takt. Das raubt alle Kapazitäten für das eigene Musizieren. Jetzt passt es und ich kann meine Konzertkarriere aufbauen. Das erste Jahr war allerdings sehr viel schwieriger, als ich es mir vorgestellt hatte, ich brauchte einen starken Willen und große Ziele.

Siehst du Gemeinsamkeiten zwischen keltischer Musik und skandinavischer Folklore?
Ja, es gibt sogar historische Verbindungen zwischen Irland und Skandinavien, Wikinger haben um 800 Dublin gegründet. Skandinavische Einflüsse kamen nach Irland, vermutlich gab es auch einen musikalischen Austausch. Die Musik ist manchmal ähnlich, wie ja auch das nordische Klima mit weiten Flächen, Natur, viel Wasser und frischer kühler Luft. In Schweden ist das Musikleben intensiv mit der schwedischen Folkloremusik verwoben, was ich sehr schön finde. Wie in Irland wird viel getanzt, gesungen und musiziert. In der schwedischen Musik gibt es diese wunderschön melancholischen Dissonanzen, die an den Charakter mancher irischer Stücke erinnern. In meinem Konzertprogramm habe ich auch gelegentlich etwas skandinavische Gitarrenmusik.

Dein Interesse am Jazz als wohl eine der treibenden Kräfte für das Trio: Wieweit hast du dich vorher mit Jazz und Improvisation beschäftigt?
Jazz mochte ich schon als Kind, aber meine strenge musikalische Erziehung erlaubte mir nur Klassik zu spielen. Erst am Konservatorium habe ich das Extrafach Jazz belegt. Bei vielen Konzerten konnte ich Jazz erst mal übers Ohr aufnehmen, wovon ich jetzt zehre und inspiriert werde. Zukünftig möchte ich mich auch im Trio improvisatorisch einzubringen. Nach der Entwicklung meiner Fingerfertigkeit habe ich schon den Anspruch richtig improvisieren zu lernen und dazu gehört die intensive Beschäftigung mit Musiktheorie. Ursprünglich hat mich mein ehemaliger Musikschulchef und lieber Kollege Alexander Reffgen mit dem sanften Ton seines Saxophons auf die Idee gebracht, dass das gut zur klassischen Gitarre passen könnte. Inspiriert hat mich dann aber noch ein anderer Musiker und zwar Luka Bloom, der auf der CD „Innocence“ auch seine Konzertgitarre vom Saxophon umspielen lässt. Meine Idee zum ‚Celtic Musik Project’ war 2011 einfach: die Gitarre füllt den Mittelraum, während das Saxophon in den Höhen und der Kontrabass in den Tiefen improvisatorisch unterstützen. Mal sehen was sich da noch entwickelt.

Was für eine Gitarre spielst du, wie sieht es aus mit Verstärkung?
Meine Gitarre ist ein Dieter Hopf Modell, 40 Jahre alt und freundliche Leihgabe von Michael Teuchert, ich konnte mir noch keine eigene richtig gute Gitarre leisten. Meine Studiumsgitarre ist verkauft. Mit extrem langer 67er Mensur und einen sehr schmalen Hals kam ich nicht mehr zurecht. Wer weiß, vielleicht kann ich mir bald mal was Schönes gönnen, Stichwort Stipendium. Die Hopf Gitarre ist sehr laut, bei guter Akustik brauche ich keine Verstärkung. Ansonsten reicht ein Mikro. Am liebsten spiele ich ohne Technik in einem Raum mit natürlichem Nachhall, das passt sehr gut zur keltischen Musik, der Klang darf bei dieser Musik ruhig etwas verschwimmen. Irgendwann lege ich mir noch eine Gitarre mit eingebautem Tonabnehmer zu, um flexibler für Auftritte zu sein wie auf Open Air Bühnen.

Danke für das Gespräch, es war mir eine Freude.
Gern, mir auch!

Jens Hausmann

Karin Mikaras Gitarrenstudio

Karin Mikara bei YouTube

2 Gedanken zu „Karin Mikara – Keltische Musik in Stockholm

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